MAGAZIN · ESSAY
Warum ich WebMCP heute schon auf meinen Websites teste – und was das über die Zukunft des Internets erzählt
Experiment
Essay
Version 1.0
FORMAT
Essay · Laborbericht
STAND
19. September 2026
QUELLENSTATUS
Primärquellen geprüft
Das Web lernt, mit KI zu sprechen
Es gibt diese Technologien, bei denen man beim ersten Kontakt denkt: Interessant. Aber brauchen wir das wirklich?
Dann probiert man sie aus. Und ein paar Tage später fragt man sich eher: Warum haben wir das bisher eigentlich anders gemacht?
WebMCPWebMCPWebMCP ist ein entstehender Webstandard, mit dem eine geöffnete Website KI-Agenten ihre Funktionen als strukturierte Werkzeuge anbieten kann.Im WiKI weiterlesen → gehört für mich gerade in diese Kategorie.
Noch ist es experimentell. Noch ist es kein fertiger W3C-Standard. Noch wird daran geschraubt, getestet und diskutiert.
Der aktuelle Entwurf der Web Machine Learning Community Group vom 17. September 2026 beschreibt WebMCP als SchnittstelleAPIEine API ist eine definierte Schnittstelle, über die Software Funktionen oder Daten einer anderen Software ansprechen kann.Im WiKI weiterlesen →, über die Webanwendungen JavaScript-basierte Werkzeuge für KI-AgentenKI-AgentEin KI-Agent ist ein System, das ein Ziel in Schritte übersetzt und mithilfe eines Modells und verfügbarer Werkzeuge Aufgaben ausführt.Im WiKI weiterlesen → bereitstellen können. Dahinter steckt eine ziemlich menschliche Frage: Wer wird in Zukunft eigentlich Websites benutzen?
Bislang waren Websites für uns gebaut
Wenn ich heute eine Website öffne, erkenne ich normalerweise ziemlich schnell, was ich tun kann. Oben ist eine Navigation. Da ist eine Suche. Dort kann ich etwas kaufen. Hier gibt es ein Kontaktformular. Und irgendwo unten rechts wartet seit ungefähr 2018 wahrscheinlich noch ein Chatbot darauf, dass endlich jemand mit ihm spricht.
Wir Menschen haben gelernt, diese visuellen Regeln des Webs zu verstehen. KI-Agenten können das inzwischen ebenfalls erstaunlich gut. Sie lesen HTML, analysieren Seitenstrukturen, interpretieren Formulare, erkennen Buttons oder benutzen Browseroberflächen ähnlich wie wir.
Aber im Grunde machen sie dabei etwas Merkwürdiges: Sie interpretieren eine Oberfläche, die eigentlich gar nicht für sie gedacht war.
WebMCP verfolgt eine andere Idee. Die Website kann einem Agenten direkt mitteilen: Das kannst du hier tun. Suchen. Navigieren. Informationen abrufen. Ein Formular vorbereiten. Einen Vorgang starten. Oder – wenn es ausdrücklich erlaubt ist – etwas verändern.
Der Agent muss dann weniger raten. Und die Website muss weniger hoffen, dass er richtig geraten hat. Eigentlich banal. Aber viele gute Ideen wirken im Rückblick banal.
Vielleicht braucht nicht jede Website ihren eigenen KI-Assistenten
Dieser Gedanke beschäftigt mich schon länger. In den vergangenen Jahren wurde häufig angenommen, dass zukünftig jede Website ihren eigenen KI-Chatbot bekommen würde. Der Shop hat einen. Die Bank hat einen. Das Hotel hat einen. Der Handwerker hat einen. Und bei jedem beginnen wir wieder bei null: „Hallo! Wie kann ich Ihnen helfen?“
Vielleicht entwickelt sich das Internet aber genau andersherum. Vielleicht bekommt nicht jede Website ihre eigene KIKIKünstliche Intelligenz bezeichnet Computersysteme, die Aufgaben bearbeiten, für die Menschen normalerweise Wahrnehmung, Sprache, Lernen oder Schlussfolgern einsetzen.Im WiKI weiterlesen →. Vielleicht bekommt jeder Mensch seine eigene.
Eine KI, die bereits weiß, wie ich arbeite. Die meine Präferenzen kennt. Meine Projekte. Meine Sprache. Vielleicht irgendwann meine Reiseplanung, meine Einkäufe oder meine Termine.
Dann muss die Website nicht mehr versuchen, meinen persönlichen Assistenten zu ersetzen. Sie muss ihm lediglich zuverlässig erklären können: Was gibt es hier – und was darfst du damit tun? Und plötzlich wird WebMCP ziemlich interessant.
Genau deshalb experimentiere ich damit
Ich beschäftige mich bei conschmitt, schmittAInander und OdyssAI momentan genau mit dieser Frage. Nicht, weil meine Websites dringend noch drei Buchstaben mehr benötigen. Sondern weil ich verstehen möchte, wie sich Websites verändern, wenn neben Menschen zunehmend Agenten mit ihnen arbeiten.
Dabei versuche ich bewusst, zwei Dinge auseinanderzuhalten: öffentlichen Zugang und persönlichen Zugang.
Auf schmittAInander gibt es beispielsweise eine öffentliche maschinenlesbare Ebene, über die bestimmte Informationen strukturiert abgefragt werden können. Dort gilt bewusst: Lesen ja. Einfach anonym irgendetwas verändern: nein.
Gleichzeitig besitzt Jarvis als mein KI-Co-Autor einen separaten authentifizierten Zugang zu meinen eigenen Systemen. Und genau hier wird es experimentell interessant.
Wir bauen damit nicht einfach einen automatischen Autor, der nachts unbeaufsichtigt Blogbeiträge veröffentlicht, während ich schlafe. Zumindest hoffe ich das.
Viel interessanter ist die Frage: Welche Rechte braucht eine KI eigentlich, wenn sie ernsthaft mitarbeiten soll? Nur lesen? Entwürfe erstellen? Bestehende Inhalte bearbeiten? Daten strukturieren? Darf sie Änderungen selbst durchführen? Oder benötigt sie davor meine Freigabe? Das sind keine theoretischen Fragen mehr. Wir testen sie gerade praktisch.
Rechte sind dabei kein Nebenthema
Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus meinen bisherigen Experimenten ist erstaunlich unspektakulär: KI braucht Grenzen.
Nicht unbedingt, weil sie böse Dinge vorhat. Meistens hat sie überhaupt keine Dinge vor. Aber sie kann etwas falsch verstehen. Ein System kann unerwartet reagieren. Eine Anweisung kann missverständlich sein.
Und irgendwo zwischen „Bitte verbessere diesen Text“ und „Warum ist meine Startseite jetzt ein Rezept für Kokoskuchen?“ sollte idealerweise noch eine Sicherheitsstufe liegen.
Deshalb trennen wir bewusst zwischen öffentlich zugänglichen Funktionen und authentifizierten Arbeitszugängen. Bei OdyssAI ist die WebMCP-Ebene momentan beispielsweise absichtlich klein. Sie kann sich innerhalb klar definierter Bereiche bewegen und Informationen erschließen. Der eigentliche Recipe Core, Nutzerfunktionen oder andere sensible Bereiche werden dadurch nicht automatisch zum Spielplatz eines beliebigen Agenten.
Parallel bauen wir für Jarvis einen eigenen Zugang zu meinen Systemen auf: mit Authentifizierung, klarer Zuständigkeit und vor allem mit der Möglichkeit, Fähigkeiten kontrolliert zu erweitern.
Nicht: „KI, hier hast du das Passwort. Viel Spaß.“ Sondern: „Das ist dein Arbeitsbereich. Das kannst du sehen. Das kannst du tun. Und hier brauchst du mich.“ Ich halte das für die deutlich spannendere Form von KI-Automatisierung.
Das Interessante: Wir sind damit nicht allein
Was vor wenigen Monaten noch nach ziemlich nerdigem Zukunftsexperiment klang, taucht inzwischen direkt im WordPress-Ökosystem auf.
Elementor hat seine MCP-Unterstützung für die kommende Woche als offizielle stabile Version angekündigt. KI-Systeme sollen damit Seiten, Beiträge und editierbare Layouts direkt vorbereiten und bearbeiten können.
Das ist technisch nicht dasselbe wie WebMCP. Aber es gehört zur selben größeren Entwicklung: Websites beginnen, explizite Schnittstellen für KI-Agenten zu bekommen. Damit wird aus einer abstrakten Idee langsam Infrastruktur. Und genau das finde ich spannend.
MCP, WebMCP – und warum die Namen weniger wichtig sind als die Richtung
Technisch sollte man MCPMCPDas Model Context Protocol (MCP) ist ein offenes Protokoll, über das KI-Anwendungen strukturierte Werkzeuge und Datenquellen einbinden können.Im WiKI weiterlesen → und WebMCP unterscheiden. MCP kann KI-Systeme mit Werkzeugen und externen Diensten verbinden. WebMCP bringt ähnliche Prinzipien direkt in die geöffnete Website und den Browserkontext. Die Systeme können sich ergänzen.
Für die meisten Menschen wird diese Unterscheidung irgendwann wahrscheinlich genauso relevant sein wie die Frage, welches Protokoll eine moderne Website intern für irgendeinen Hintergrunddienst benutzt. Also: gar nicht.
Entscheidend ist das Ergebnis. Die Maschine versteht nicht nur den Inhalt einer Website. Sie versteht zunehmend auch deren Fähigkeiten. Und das ist ein großer Unterschied.
Vom Internet der Seiten zum Internet der Fähigkeiten
Das klassische Web besteht aus Seiten. Startseite. Über uns. Produkte. Kontakt. Blog. Menschen navigieren durch diese Informationsarchitektur.
Ein Agent denkt möglicherweise anders. Er möchte nicht unbedingt wissen: Wo befindet sich das Kontaktformular? Er möchte wissen: Kann ich hier Kontakt aufnehmen?
Er möchte nicht unbedingt die Rezeptübersicht sehen. Er möchte wissen: Kann diese Website mir ein vegetarisches Abendessen für vier Personen zeigen?
Er interessiert sich weniger dafür, ob die entsprechende Funktion im Hauptmenü, im Footer oder hinter einem wunderschönen animierten Hamburger-Menü liegt. Er sucht nach einer Fähigkeit.
Genau deshalb halte ich diese Entwicklung für größer als irgendein neues KI-Feature. Das Web könnte zusätzlich zu seiner visuellen Informationsarchitektur eine funktionale Architektur bekommen: eine für Menschen, eine für Maschinen. Und idealerweise arbeiten beide miteinander.
Was bedeutet das für SEO und GEO?
Hier wird es besonders interessant. Und gleichzeitig muss man ein bisschen aufpassen, keinen neuen Marketingzauber daraus zu machen.
Heute gibt es keinen belastbaren Hinweis darauf, dass WebMCP ein Rankingfaktor für Google ist. Google sagt ausdrücklich, dass für seine generativen Suchfunktionen derzeit keine besonderen AI-Markups oder vergleichbaren Tricks notwendig sind. WebMCP einzubauen und anschließend auf Platz eins zu warten, wäre also vermutlich eine eher schlechte Wochenplanung.
Trotzdem glaube ich, dass hier langfristig etwas entsteht. Denn Sichtbarkeit im Web könnte zukünftig aus mindestens zwei Ebenen bestehen: Kann ein System meine Information finden und verstehen? Und kann ein Agent anschließend sinnvoll mit meinem Angebot arbeiten?
Das Erste kennen wir von SEOSEOSuchmaschinenoptimierung (SEO) umfasst Maßnahmen, die Webseiten für Suchmaschinen technisch zugänglich und für Suchende hilfreich machen.Im WiKI weiterlesen → und zunehmend GEOGEOGenerative Engine Optimization (GEO) bezeichnet Ansätze, Inhalte für Auffindbarkeit und korrekte Einordnung in generativen Antwortsystemen zu verbessern.Im WiKI weiterlesen →. Das Zweite ist neu. Deshalb würde ich heute nicht behaupten: WebMCP verbessert GEO. Aber ich halte folgende These für plausibel: Maschinelle Verständlichkeit und maschinelle Nutzbarkeit werden langfristig Teil der digitalen Sichtbarkeit werden.
Vielleicht wird es irgendwann völlig selbstverständlich sein, dass eine Website nicht nur Suchmaschinen mitteilt, welche Informationen sie enthält, sondern Agenten zusätzlich erklärt, welche Aufgaben sie übernehmen kann.
Und plötzlich wird Transparenz praktisch
An dieser Stelle trifft die Technik ziemlich genau auf das, was ich mit schmittAInander ohnehin versuche. Ich möchte KI nicht verstecken.
Jarvis ist dort kein angeblicher Mitarbeiter, dessen Profilbild zufällig etwas synthetisch geraten ist. Er ist KI-Co-Autor. Ich bin der verantwortliche menschliche Publisher. Wenn wir gemeinsam einen Artikel entwickeln, darf man das wissen.
Für mich gehört dieselbe Transparenz in die technische Ebene. Ein Agent sollte erkennen können: Wer bin ich? Was darf ich? Welche Informationen stammen von wem? Welche Aktionen kann ich ausführen? Wann brauche ich eine menschliche Entscheidung? Das schafft nicht weniger Kontrolle. Es schafft mehr.
Mensch gegen Maschine ist ohnehin die falsche Geschichte
Bei vielen KI-Debatten wird so getan, als müsste irgendwann jemand gewinnen. Der Mensch. Oder die Maschine. Ich halte das für eine erstaunlich fantasielose Vorstellung.
Mich interessiert viel mehr: Was passiert, wenn beide unterschiedliche Dinge gut können?
Ich kann entscheiden. Priorisieren. Verantwortung übernehmen. Kontext bewerten. Eine Haltung entwickeln.
Jarvis kann recherchieren. Vergleichen. Strukturen überprüfen. Systeme abfragen. Informationen zusammenführen. Und Dinge in einer Geschwindigkeit bearbeiten, bei der ich irgendwann doch lieber Kaffee trinken gehe.
Die interessante Architektur entsteht also nicht dort, wo die KI möglichst menschlich aussieht. Sondern dort, wo Mensch und Maschine sinnvoll zusammenarbeiten können. WebMCP ist möglicherweise ein kleines Stück Infrastruktur dafür.
Deshalb baue ich es heute schon ein
Nicht weil ich glaube, dass jede Website morgen zwingend WebMCP benötigt. Die Technologie ist jung. Die Spezifikation entwickelt sich. Sicherheitsfragen sind real.
Genau deshalb möchte ich jetzt damit arbeiten. Nicht erst, wenn alles fertig standardisiert, vermarktet und in irgendeinem WordPress-Plugin hinter einem violetten Button versteckt wurde.
Ich möchte verstehen: Was funktioniert? Was funktioniert nicht? Welche Rechte sind sinnvoll? Wo braucht es Freigaben? Welche Funktionen helfen einer KI tatsächlich? Welche sind unnötig? Und wie verändert sich eine Website, wenn man beim Bauen nicht mehr nur an menschliche Besucher denkt?
Meine Seiten sind dafür mein eigenes Labor. Mit Backups. Sehr wichtiges Detail.
Das Web verschwindet dadurch nicht
Man könnte jetzt natürlich die dystopische Version erzählen. KI-Agenten reden zukünftig nur noch untereinander. Niemand besucht Websites. Design stirbt. Das Internet besteht aus APIs und grauen Textdateien. Ich halte das für ziemlich unwahrscheinlich.
Menschen mögen Bilder. Geschichten. Gestaltung. Überraschungen. Persönlichkeit. Wir wollen entdecken. Wir wollen uns manchmal auch einfach treiben lassen. Das wird eine Maschine nicht abschaffen.
Aber vielleicht bekommt das Web eine zweite Ebene. Oben bleibt die menschliche Oberfläche: Farben. Typografie. Bilder. Geschichten. Erlebnisse. Darunter entsteht zunehmend eine maschinenlesbare Ebene: Information. Bedeutung. Funktionen. Berechtigungen. Kontext.
Die Website muss sich dann nicht entscheiden, für wen sie gebaut wurde. Sie kann für beide funktionieren.
Keine Angst vor dem agentischen Web
Ich glaube nicht, dass kleine Unternehmen, Kreative oder Websitebetreiber jetzt panisch jedes neue KI-Protokoll installieren müssen. Ganz im Gegenteil. Aber wir sollten anfangen, hinzuschauen.
Wir befinden uns gerade in einer Phase, in der sich verändert, wie Menschen auf digitale Informationen zugreifen. Erst haben wir URLs eingegeben. Dann haben wir gegoogelt. Dann haben wir auf dem Smartphone gesucht. Heute fragen wir zunehmend KI.
Der nächste Schritt könnte sein: Wir schicken KI. „Finde mir etwas.“ „Vergleiche das.“ „Bereite das vor.“ „Buche das.“ „Ändere das.“
Und wenn das passiert, sollte eine gute Website vielleicht nicht versuchen, den Agenten daran zu hindern. Vielleicht sollte sie ihm freundlich die Tür öffnen. Ihm sagen, welche Räume zugänglich sind. Und bei manchen Türen deutlich hinzufügen: Hier bitte erst David fragen.
Damit kann ich ziemlich gut leben.
„Vielleicht braucht nicht jede Website ihre eigene KI. Vielleicht bekommt jeder Mensch seine eigene.“
Quellen & weiterführende Links
Die im Text verwendeten Aussagen wurden vor dem Entwurf gegen diese Primärquellen und Herstellerinformationen geprüft.
Elementor – Introducing the Elementor MCP, Webinar-Einladung vom 18. September 2026.
Transparenzhinweis
Dieser Text entstand genauso, wie ich mir die Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI vorstelle. Die Idee, die Positionen, die Auswahl unserer Experimente und die redaktionelle Verantwortung liegen bei mir, David Schmitt. Jarvis war als KI-Co-Autor an Recherche, Gegenprüfung, Struktur und sprachlicher Ausarbeitung beteiligt. Dass wir ausgerechnet bei einem Artikel über transparente Mensch-KI-Zusammenarbeit so etwas erwähnen, ist hoffentlich keine allzu große Überraschung.